Regierung – widersprüchlich und realitätsfern

In den vergangenen Jahren hat sich der Blick der Politik auf die Kinderbetreuung und -förderung stark verändert. Kinder­tagesstätten und frühkindliche Bildung sind Begriffe, die mitt­lerweile eng zusammengehö­ren. Damit haben die Berufe im Sozial- und Erziehungs­dienst eine immense Aufwer­tung erhalten.

Jedoch liegt Deutschland im europäischen Kontext bei der Umsetzung von entsprechen­den Maßnahmen nach wie vor auf den hinteren Plätzen. Grund genug für die Bundes­regierung, besonders seitens Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder, die The­men wie „Kinderbetreuung“, „Rechtsanspruch Kita-Platz 2013″, „frühkindliche Bildung“ und „Inklusion“ massiv voran­zutreiben. Dabei stößt sie auch beim Bundesfachbereich Sozial- und Erziehungsdienst der komba gewerkschaft auf große Skepsis, vor allem was die praktische Umsetzung be­trifft. Wir sprachen darüber wir mit der Vorsit­zenden des komba Bundes­fachbereichs, Sandra van Heemskerk.

 

Vorsitzende des komba-Bundesfachbereichs Sozial- und Erziehungsdienst, Sandra van Heemskerk

Frau Heemskerk, wie praktikabel sind die derzeitigen Vorschläge der Regierung, beispielsweise beim Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz 2013?

Sandra van Heemskerk: „Wunsch und Wirklichkeit sind dabei, wie auch bei den ande­ren aktuellen Diskussionen der Regierung, weit voneinander entfernt. Die Beschäftigten in den Einrichtungen sind bereits jetzt zu überlastet, um alle angesprochenen Maßnahmen gleichzeitig umsetzen zu kön­nen. Es fehlt vor allem an finan­ziellen Mitteln, um mehr Fach­personal einstellen zu können und qualifizierte Nachwuchs­kräfte zu gewinnen. Ausrei­chend Räumlichkeiten stehen ebenfalls nicht zur Verfügung. Der Einsatz von Nicht-Fach­kräften würde zwar die Kosten minimieren, senkt aber zu­gleich die Qualität und Effektivi­tät der Leistungen im Sozial- und Erziehungsdienst.“

Sie sprechen den Vorschlag von Dr. Schröder an, arbeitslose Beschäftigte des Schlecker-Konzerns für den Sozial- und Erziehungsdienst umzuschulen?

Sandra van Heemskerk: „Ja! Der Vorschlag, einen Teil der arbeitslosen Mitarbeiter durch eine Umschulung zu Erziehern und Erzieherinnen auszubil­den, zeigt die Verzweiflung der Politik, den Fachkräftemangel mit nahezu allen Mitteln kom­pensieren zu wollen. In kaum einem anderen Thema wider­spricht sich derzeit die Regie­rung mehr. Gestern noch plä­diert sie auf eine qualitative Aufwertung der Erziehungs­arbeit und heute wird mit un­gelernten oder „Crash-Kurs“-Erziehern gegen den Fachkräf­temangel vorgegangen. Die derzeitigen Diskussionen so­wie Entwicklungen in der Ver­gangenheit machen uns als komba Bundesfachbereich große Sorge. Nach wie vor blei­ben wir bei unserer Position, dass das Fachkräftegebot nicht ausgehebelt werden darf und dringend passable Lösungen bereitgestellt werden müs­sen.“

Worin sehen Sie besonders die Gründe für den Fachkräftemangel?

Sandra van Heemskerk: „Einer der Gründe, warum wir einen Fachkräftemangel im Bereich Sozial- und Erziehungsdienst haben, ist ganz klar die Bezah­lung, die immer steigenden Anforderungen sowie die Zu­nahme an physischen und psychischen Belastungen bei gleichbleibenden Rahmen­bedingungen.

Besonders in sozialen Berufen ist die psychische Belastung sehr hoch. Dabei erkennen die Arbeitgeber zwar ihre Sorg­faltspflicht gegenüber den Beschäftigten, jedoch fehlt auch hier, nach eigenen Anga­ben, das Geld beispielsweise für regelmäßige Supervisionen. Damit sind wir nach wie vor weit von den Empfehlun­gen der Europäischen Kom­mission zum Personalschlüs­sel in den Kindertagesstätten entfernt. Dieser besagt, dass bei Kindern bis 1,5 Jahren auf drei Kinder eine Fachkraft, bei Kindern von 1,5 bis 3 Jahren auf vier Kinder eine Fachkraft, bei Kindern von 3 Jahren bis zum Schuleintritt auf acht Kinder eine Fachkraft und ab dem Schuleintritt eine Fach­kraft auf zehn Kinder zur Ver­fügung stehen soll.

Einen weiteren Grund sehen wir in der hohen Anzahl der befristeten Arbeitsverträge. Dies widerspricht ebenfalls der pädagogischen Notwen­digkeit von personeller Konti­nuität. Diese Befristungen sind zudem für die Beschäf­tigten sehr belastend, da sie in ständiger Existenzangst leben und darüber hinaus keine zukunftsorientierte Le­bensplanung umsetzen kön­nen.

Das sind alles Gründe, warum für den Nachwuchs eine Aus­bildung im Sozial- und Erzie­hungsdienst unattraktiv sein kann.“

Wie steht der komba Bundesfachbereich zum Thema „Betreuungs­geld“?

Sandra van Heemskerk: Ein sehr brisantes und kontrovers diskutiertes Thema. Der Bundesfachbereich stellt hier ganz klar die Forderung, das dafür eingeplante Geld muss in das Budget fließen, um Kin­dertagesstätten auszubauen: Personal, Fortbildungen, Quali­tätssicherung und Räumlich­keiten.

Eine Prämie auszuzahlen, sein Kind nicht in eine frühkind­liche Bildungseinrichtung an­zumelden, sondern bis zum dritten Lebensjahr zu Hause zu betreuen, ist gesellschaftlich nicht mehr zeitgemäß. Man könnte boshaft unterstellen, dass der Bundesregierung je­des Mittel recht ist, Eltern da­von abzuhalten, Kinder unter drei Jahren anzumelden, um den Rechtsanspruch umsetzen zu können und die Kommunen vor einer Klagewelle zu schüt­zen.

Vielfalt ist gut – so lautet der Grundsatz der Inklusion, die Integration behinderter Kinder in die Gruppen. Wie kann der Inklusionsgedanke zukünftig in den Kindertagesstätten umgesetzt werden?

Sandra van Heemskerk: Dass alle Menschen das gleiche Recht auf Bildung und Erzie­hung haben, ist mittlerweile für die meisten eine Selbstver­ständlichkeit – besonders im Sozial- und Erziehungsdienst. Jedoch ist in vielen Kinder­tagesstätten die Befürchtung groß, dass das Personal den Bedürfnissen der betroffenen Kinder weder fachlich, zeitlich noch räumlich gewachsen sein wird.

Für die Umsetzung der inklusiven Arbeit in den Kinder­tagesstätten bedarf es eines pädagogischen Konzepts so­wie baulichen und medialen Voraussetzungen. Hier ist es zudem wichtig, dass den Kolle­ginnen und Kollegen ausrei­chende Fortbildungsmaßnah­men angeboten werden, um aus dem Inklusionsgedanken ein tragfähiges Modell der Zu­kunft zu gestalten.

Doch das gibt es nicht zum Nulltarif. Auch hier sieht der komba Bundesfachbereich das große Problem der letzten Jah­ren: die fehlende finanzielle Ausstattung auf Kosten des Personals. Die Beschäftigten in den sozialen Berufen bringen in der Regel schon eine hohe Belastungsbereitschaft mit. Diese aber anhaltend oberhalb der Schmerzgrenze auszunut­zen, muss schnellstmöglich aufhören.

Vielen Dank für das Gespräch.

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