komba gewerkschaft warnt vor Schnellschüssen auf Kosten von Qualität des Sozial- und Erziehungsdienstes

Trotz Kritik will die Bundesagentur für Arbeit einen Großteil der Langzeitarbeitslose zu Erziehern umschulen – darunter auch die rund 10.000 Mitarbeiter der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker. „Natürlich herrscht in deutschen Kitas akuter Fachkräftemangel, doch nützt es nicht, diesen jetzt auf Biegen und Brechen beheben zu wollen,“ so Uli Silberbach, Bundesvorsitzender der komba gewerkschaft, größte Fachgewerkschaft im dbb beamtenbund und tarifunion. Die komba warnt bei dem Vorhaben von Regierung und Bundesagentur für Arbeit (BA) vor zu viel Enthusiasmus und unüberlegten Schnellschüssen, die langfristig auf Kosten von Qualität und Wertstellung für diesen Berufszweig gehen.

„In kaum einem anderen Thema widerspricht sich derzeit die Bundesregierung mehr denn je: Gestern noch plädiert sie auf eine qualitative Aufwertung der Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern und heute soll mit ungelernten oder „Crash-Kurs“-Kräften gegen den Personalmangel in den Kitas vorgegangen werden. Es scheint, als sei jegliches Mittel Recht, um den notwendigen Bedarf zu schaffen für die Umsetzung der eigenen Vorhaben wie Kita-Platz 2013 und Inklusion,“ kritisiert auch Sandra van Heemskerk, Bundesvorsitzende für den Fachbereich Sozial- und Erziehungsdienst der komba gewerkschaft.
Bereits Anfang Juni hatten Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise erklärt, Arbeitslose zu Erziehern umschulen zu wollen. Dabei ging es vor allem um die Schlecker-Frauen, die durch die Insolvenz der Drogeriemarktkette ihre Jobs verloren haben. Die Medien berichten aktuell, dass laut Angaben von Heinrich Alt, Vorstandsmitgliedes der Bundesagentur für Arbeit (BA), sogar 800.000 Menschen unter den Langzeitarbeitslosen dafür in Frage kommen würden, die zumindest die schulischen Voraussetzungen erfüllen. „Grundsätzlich sind die Bemühungen zu begrüßen, dass der Fachkräftemangel nun auch bei der Politik angekommen ist und Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Ob es aber damit getan ist, nur nach der schulischen Voraussetzung zu schauen, dürfte erheblichen Zweifel vorbringen. Immerhin sollten die neuen Erzieherinnen und Erzieher doch wenigstens ein Mindestmaß an Motivation für ihren neuen Beruf mitbringen,“ so der Bundesvorsitzender der komba.


Soziale Berufe sind nicht nur Jobs, um Geld zu verdienen

Gerade in sozialen Berufen bedarf es einer grundlegenden Bereitschaft und Überzeugung. Van Heemskerk sieht in dem Angebot der Regierung ein Angebot, ohne die Konsequenzen genau durchdacht zu haben: „Kolleginnen und Kollegen, die in sozialen Berufen tätig sind, haben sich in der Regel ihren Job als erstes aus Überzeugung und nicht aus existentiellen Gründen ausgewählt. Nun mag es sicherlich für Langzeitarbeitslose sowie die arbeitslosen Schlecker-Mitarbeiterinnen verlockend sein, nach der Umschulung auch einen Job mit Zukunft in Aussicht gestellt zu bekommen und für einige wird dies auch ein gangbarer Weg.“
Es sei kurzfristig gedacht, die Arbeitslosen vielleicht in ihre nächste Misere, weil im falschen Beruf, zu drängen, so Silberbach und ergänzt: „Auch wenn den Interessenten laut BA erst einmal ein Praktikum in einer Kindertagesstätte angeboten wird, ist es fraglich, ob Arbeitsbedingungen und Entlohnung tatsächlich so attraktiv sind, dass sich von den angedachten 800.000 Kandidatinnen und Kandidaten auch wirklich viele bewerben. Schließlich kommt der Fachkräftemangel nicht von ungefähr, sondern fußt auf der Tatsache, dass die Beschäftigten hohen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt sind, entsprechende Ausgleichsmaßnahmen fehlen und die Bezahlung dafür gering ist. Stellschrauben, an denen zuerst gedreht werden müsste,“ so Silberbach.

Umschulung in zwei Jahren kritisch und fragwürdig
Gerade die Einstellung, dass der Sozial- und Erziehungsdienst bei den meisten eine „Berufung“ sei, sei einer der Gründe dafür, dass die Beschäftigt seit Jahren die hohen Belastungen tragen und das ohne wenig Beschwerdeverhalten. Im Erziehungsdienst vorausgegangen ist eine lange Ausbildungszeit – beispielsweise in Niedersachsen erst nach vier Jahren. Die von der Regierung vorgeschlagene Umschulung ist angesetzt für rund zwei Jahre. Van Heemskerk warnt vor diesem Schnellschuss: „Eine verkürzte Ausbildung für Quereinsteiger wie zum Beispiel die Schlecker-Mitarbeiterinnen könnte ein Ungleichgewicht bei Themen Eingruppierung und Bezahlung geben – ebenfalls als kritisch und fragwürdig zu beurteilen. Es darf nicht sein, dass die Koalition mit allen Mitteln versucht, ihren Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem 1. Lebensjahr ab 2013 jetzt auf Kosten der Qualität der Erziehungsarbeit und auch auf Kosten der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst durchsetzen zu wollen.“

 

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